Über das Leben der Mutter Katharina Kasper – eine Frau des
19. Jahrhunderts – Vorbild für heute?
Katharina Kasper wurde am 26.05.1820 in Dernbach geboren, in einer armen Gegend und ein eine arme Zeit hinein. Auf dem kargen Boden des Westerwaldes und dem rauhen Klima wuchs kaum etwas außer Kartoffeln, Hafer und Gerste. Vom Westerwald pflegte man zu sagen, es sei dort ein halbes Jahr Winter und ein halbes Jahr kalt. Die Familien waren kinderreich und konnten sie kaum ernähren.
Nicht nur wettermäßig war das Klima kalt.
Die napoleonischen Feldzüge bis 1814 hinterließen ihre Spuren. Durch Armut, Hunger und Mangel an Hygiene grassierten Krankheiten wie Tuberkulose und Typhus, und rafften die Menschen dahin. Winter war aber auch in kultureller und geistlich-religiöser Hinsicht. Nach der Säkularisation waren Klöster aufgehoben und Bistümer zerstört, somit entfielen wichtige Träger von Kultur und Bildung. Doch gerade solche Zeiten fordern heraus, und wir wissen: Im Winter fängt die Saat an zu keimen, aus der wir Brot gewinnen. Durch alle Zeiten hindurch lässt sich feststellen, dass Gott immer wieder in besonders schwierigen Situationen
Menschen beruft, seine befreiende Botschaft zu leben und zu verkünden. Katharina Kasper besuchte zusammengerechnet nur 2 Jahre die Schule. Das wichtigste Fach für sie war Religion. Außerdem war Katharina Kasper daran interessiert, lesen zu lernen, weil sie selbst die Bibel und den Katechismus lesen wollte. Katharina scheint in ihrem ganzen Tun von Kindheit an religiös motiviert gewesen zu sein.
Trotz der eigenen Leiderfahrung hatte sie ein Blick für noch ärmere Kinder,
denen sie Zuwendung schenkte und mit denen sie teilte – nicht nur ihr Brot,
sondern ihre Zeit, und damit ihr Leben.

Nach der Schulentlassung arbeitete Katharina selbstverständlich mit für den Lebensunterhalt ihrer Familie zu Hause und in der Landwirtschaft, später nach dem Tod des Vaters übernahm sie den geforderten Beitrag zur Gemeindefron das hieß Erntearbeiten,Steine klopfen für den Straßenbau, Schneeschaufeln.
Doch die harte Arbeit störte nicht ihre ewige Verbindung mit dem Gott. Gerade aus der Kraft dieser Beziehung konnte sie sich den Armen und Kranken im Dorf zuwenden. Und bei allem war sie ein lebensfroher Mensch.
Wie Katharina Kasper lebte war regelrecht ansteckend. Ihr Tun erfolgte mit ganzer Hingabe des Herzens, ebenso fromm in der ursprünglichen Bedeutung. Durch ihr Beispiel konnte sie noch andere junge Frauen für diesen Dienst begeistern. Diese Gruppe von Frauen wurde schon bald als sogenannter „Frommer Verein“ in Dernbach und Umgebung bekannt! 1851 entstand daraus – nach einem zeitweisen mühsamen Weg u nd vielen Gesprächen mit Bischof Blum in Limburg – die Kongregation der Armen Dienstmägde Jesu Christi – die viele junge Frauen anzog. In den ersten Stunden des sogenannten „Frommen Vereins“ von 1842 heißt es am Beginn: „Der Zweck unseres Vereins ist die Ausbreitung der Tugend durch Beispiel, Belehrung und Gebet.” Die Ausdrucksweise angefangen bei der Bezeichnung „Frommer Verein“, klingt uns fremd in den Ohren. Sie entspricht nicht unserem heutigen Sprachgefühl. Das Anliegen ist nach wie vor aktuell. Heute sprechen wir von Option für die Armen, Evangelisierung, Solidarität.
Katharina Kasper realisierte, den ihr von Gott gegebenen Auftrag mit ihren Gefährtinnen in der Fürsorge für Arme und Kranke und deren Familien, später auch in der Erziehung und Bildung, sehr rasch über Dernbach hinaus. Das Wirken der jungen Frauen sprach sich rasch herum. 1850 nahm Katharina die ersten Waisenkinder auf, die erste Niederlassung wurde 1854 in Camberg eröffnet, und 1855 wurde die erste Klosterschule im Dernbacher Waisenhaus von der Regierung genehmigt. Bald kamen aus dem Ausland Bitten um Schwestern: 1859 gingen die ersten ADJC nach Südholland, 1868 in die Vereinigten Staaten (Schulen, Waisenhaus, Krankenpflege) und 1876 nach England in die deutsche Mission in London. Auch für zeitlich begrenzte Einsätze kamen immer wieder Anfragen, so etwas für Lazarethdienste 1866 im preußisch-österreichischen Krieg und 1870 im deutschfranzösischen Krieg (ein Drittel der Schwestern war damals eingesetzt).
Doch Katharina erlebte nicht nur Wachstum; auch Rückschläge waren hinzunehmen, wie der Entzug der Erziehungs- und Lehrtätigkeit während des Kulturkampfes, der 1873 begann. Besonders litt sie, wenn Schwestern die Kongregation wieder verließen.
Vieles von dem was sie durchzustehen hatte wurde erst im Laufe des Seligsprechungsprozesses bekannt. Die Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen, denen sich Katharina Kasper zu stellen hatte, hätten manch anderen entmutigt. Aber sie fand immer wieder Wege, die ihr und den Menschen, mit denen sie zu tun hatte, Perspektiven eröffneten.
Das zeigt, was charakteristisch für sie war. Sie war eine Hörende, offen und ansprechbar für Menschen in Not. Sie wusste sich geführt, Geist Gottes, und konnte deshalb vorausschauend flexibel auf die Nöte der Zeit reagieren. Auf die Frage, woher sie das alles hätte, antwortete sie: „Der Geist, der in mir ist, hat mir das gesagt.“ Das war die Erfahrung ihres Lebens. Bei ihrem Tod 1898 zählte die Gemeinschaft rund 1800 Schwestern in 193 Niederlassungen.
Maria Katharina Kasper war ein Mensch, den wir nach unseren heutigen Maßstäben nicht als gebildet bezeichnen würden. Bildung ist allerdings wesentlich mehr als Ausbildung und eine Fülle von Wissen. Durch ihre innige Gottverbundenheit verfügte Katharina Kasper über eine ausgeprägte Bildung des Herzens. Bei ihr kam es zu einem geglückten Zusammenwirken von Kopf, Herz und Hand, zum Guten für die Armen ihrer Zeit und darüber hinaus. Heute leben rund 1000 Schwestern in verschiedenen Ländern und Kontinenten: in Deutschland, den Niederlanden und England, in Indien, den USA und Mexiko sowie in Brasilien. Sie führen das Werk der Stifterin fort im Dienst der Armen heute: in der Pflege von kranken und alten Menschen, in der Fürsorge für Obdachlose und Aidskranke, für Behinderte und psychisch kranke Menschen, in der Erziehung und Bildung junger Menschen, in der Integration von Einwanderern und in pastoralen Aufgaben. (Nach einem Vortrag von Schwester M. Petricia Pitzl ADJC, 1998).